
Rotsehen Herzlos
Augen sind die Fenster zur Seele – und niemand weiß das besser als Conner. Denn der ist verflucht, durch diese Fenster in die Ätherwelt zu blicken, wo die wahren Gesichter der Menschen lauern …

Dark-Fantasy-Lesespaß auf 546 Romanseiten.

In der Ätherwelt regieren Feinstoffliche Wesen und üben unheilige Macht über die Materie aus Der Preis, den Conner für seine Gabe bezahlt, ist hoch. Die entblößten Fratzen der Menschheit haben ihn längst zum Misanthropen gemacht, der seine Sinne und Erinnerungen allzu oft im Rausch betäubt. Doch Conner erkennt auch seine Bestimmung: die einzigartige Fähigkeit gegen das reale Böse der Welt einzusetzen.
Conner & seine Truppe
Schließ Dich den Kämpfern an!

Conner Ascheberg
„Ich sehe dich!“ Verflucht mit seinen teuflischen Augen blickt Conner direkt in die Abgründe der Menschen.

Liljana Blago
Conners Gefährtin seit einem Jahr – auf der Suche und Jagd nach dem realen Bösen und Übernatürlichem dieser Welt.

Hendrick
Conners Bruder im Geiste, gefährlich im Kampf, den stets eine tapfere Schäferhündin namens Dexa begleitet.
VS

Der Ziegenkopf
Dämonischer Häscher, doppelt brutal und ergeben allen Befehlen seines Meisters.

Luca Panichella
Sternekoch und Restaurant-Besitzer, den ein unheimliches Netzwerk der Macht umgibt.

Marco Gallo
Lucas schmieriger Chef-Kellner … und manchmal auch seine zur Faust geballte, rechte Hand.
Der Fall von Rotsehen Herzlos
Als ein Mädchen in Dresden entführt wird, richtet Conner seinen bohrenden Blick auf die mysteriösen Umstände ihres Verschwindens. Bald wird klar, dass dieser Fall größer ist und seine Gegner mächtiger sind als jeder zuvor gewesene. So beginnt sein erbitterter Kampf – an der Seite seiner Verbündeten – gegen korrupte Polizisten, ziegenköpfige Dämonen und teuflische Pizzabäcker.
Leseprobe (Die ersten Seiten von Rotsehen Herzlos)
Kapitel 1
Der Eingang sah aus wie das aufgerissene Maul einer vieläugigen Bestie. Conner betrachtete die kleinen Fenster. Die meisten waren dunkel, manche gelb erhellt und hinter einigen flackerte blaues Licht, gleich unruhigen Gasflammen. Zwischen Autowerkstätten, Spielhallen und Speditionsunternehmen war der Plattenbau ein einsamer Gigant, der sich finster und bedrohlich vom weniger grauen Himmel absetzte.
Ob diese Gegend schon immer so trostlos gewesen war? Ob hier jemand aus freien Stücken Tage und Nächte verlebte? Konnte man diesen Ort sein Zuause nennen – und das gerne? Was waren die geheimen Träume der wachenden Bewohner vor ihren flimmernden Fernsehgeräten?
Was sind meine Träume? Conner schluckte angestrengt. Er schlich näher, vorsichtig wie ein Raubtier. Mit seinem Blick wanderte er die Fassade hinauf zum bleichen Mond, der mühsam durch eine ausgewaschene Wolkendecke hindurchblinzelte. Er konnte nicht anders. Er musste sich fragen, wo und wann er selbst falsche Entscheidungen getroffen hatte, sodass sein Weg in dieses Hier und Jetzt hatte führen können. Gewiss gab es etwas wie Schicksal. Warum sonst hielt er nun auf diesen schäbigen Wohnbunker zu? Nein, er war kein Fatalist, doch unmöglich konnte die Verantwortung dafür allein bei ihm liegen.
»Pass auf!«, rief da eine Stimme in herrischem Tonfall, die Conner unsanft aus seinen Gedanken hochschrecken ließ. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihm, den beiden Männern auszuweichen, die jeweils mit Flasche und Zigarette aus einem Hauseingang traten. Er ballte die Fäuste, aber beide zeigten kein ausgeprägtes Interesse an dem Fremden und eilten ohne weitere Worte, dafür mit ordentlicher Bierfahne, an ihm vorüber. Conner verharrte einen Moment und blickte den Gestalten hinterher, um sicherzugehen, dass die sich weit genug entfernen würden.
»Wichser«, murmelte er kopfschüttelnd. Wie sollten die Trunkenbolde ahnen, dass er bereit war, sich in ein Monster zu verwandeln?
Bin ich das? Es brachte nichts, darüber nachzudenken. Wie bei allen anderen verlorenen Seelen dieser Welt führten seine Schritte weiter in eine Zukunft, so undurchsichtig wie diese Oktobernacht; eine ausgesprochen kalte. Nebelschwaden zogen über den Teer, klammerten sich an die Halme einer ungepflegten Spielwiese. Der Quell des dichten Nebels lag nur einige Meter entfernt. Langsam und träge kroch dort die Elbe ihrem fernen Ziel – der Nordsee – entgegen. Die Oberfläche des Stroms war beinahe unbewegt – wie ein trüber Spiegel. Von dort wallte die Kälte heran, kletterte die kahle Böschung hinauf und versuchte, sich unter Conners Lederjacke zu drängen.
»Faszinierend«, konstatierte er, während er weiter zum Eingang des Wohnblocks schritt. Es kam ihm so vor, als wäre er schon einmal hier gewesen. Ja, er kannte solche Gegenden. Er kannte sie alle. Tagsüber schoben viel zu junge Mütter ihre Kinderwägen über den Hof. Dort, beim Spielplatz, würden auch während der Unterrichtszeit Jugendliche herumlungern; traurige Gestalten, die nichts mit der eigenen Zeit anzufangen wussten. Eher selten spielte dort ein Kind im rechten Alter, mit Plastikschaufel, Sandkuchenformen … oder den Nadeln der Fixer. Bei Tage hätte Conner mühelos den Mann ausgemacht, den er ansprechen musste, um an eine Tüte Gras zu gelangen. Er hätte auch gewusst, welchen Kerlen es besser aus dem Weg zu gehen galt, und die gefährlichen Gestalten von denen zu unterscheiden, die sich lediglich für gefährlich hielten. Hinter einem Schaufenster war eine flimmernde Werbetafel mit der Aufschrift ›Handy-Reparatur‹ angebracht. Drei fette Motten umschwirrten verzweifelt das unnatürliche Licht. Als machten sie einander mit schlagenden Flügeln für die unsichtbare Barriere verantwortlich.
Conner schüttelte den Kopf. Die Nacht hatte er gern, doch nicht die grellen Lichter einer nächtlichen Stadt. Er fühlte sich davon ebenso stark abgestoßen, wie die kleinen Schwärmer verführt.
Mist! Ein leises Klicken ertönte. Plötzlich fluteten Spitzlichter über den Asphalt. Mit seinem letzten Schritt hatte Conner eine ganze Reihe von Lampen anspringen lassen, die den Hauseingang und einen Teil des Innenhofs in unpersönliche Helligkeit tauchten – jene Helligkeit, die er so verabscheute. Der Mann brauchte einige Sekunden, um in der überblendeten Szenerie ein paar Konturen auszumachen. Am liebsten wäre er davongerannt, zurück in die Dunkelheit. Er wusste ohnehin nicht, warum er sich hierfür hatte breitschlagen lassen. Das war jedenfalls nicht einer seiner üblichen Aufträge.
»Ach, verdammt.« Conner brauchte sich doch nicht betrügen. Er kannte den Grund. Dieser Grund hatte rabenschwarzes Haar, verführerische Lippen und wundervolle Augen, die sich allerdings missbilligend auf ihn gerichtet hätten, wenn er jetzt unverrichteter Dinge den Rückzug antreten würde.
»Carpe noctem«, murmelte er. Sein Schatten folgte ihm treu bis vor die mit greller Farbe beschmierte Eingangstür. Plötzlich beeilte Conner sich, wollte schlaflosen Bewohnern nicht länger als nötig Gelegenheit gewähren, sich über den langen Kerl auf der Straße zu wundern. Je schneller er die Sache hinter sich brachte, desto besser. Dafür bist du mir was schuldig.
Schon war er an der Tür. In all dem Licht wirkten Kanten und Ecken scharf und spitz, wie Klingen aus Damast.
Mit seinem Blick glitt Conner über die Klingelschilder, über die Reihen teils unleserlicher Namen, bis er den richtigen gefunden hatte. Für Sekunden ließ er den Finger über dem entsprechenden Taster verharren.
»Eduard Hofmann«, murmelte er und drückte den Knopf. Jetzt war er doch gespannt, ob dieser Mann seine Zeit verdiente. Sekunden verstrichen. Schließlich knackte die Gegensprechanlage und eine blecherne Stimme stieß erbost einen Schwall unterschiedlicher Grunzlaute aus.
»Zum Teufel mit Ihnen! Haben Sie mal auf die Uhr gesehen? Kommen Sie morgen.«
Nach dieser unmissverständlichen Botschaft ertönte ein weiteres Knacken, mit dem der arme Narr aufgelegt haben musste. Conner gestattete sich ein freudloses Grinsen. Dann drückte er wieder auf den Taster, ausdauernder als beim ersten Mal. Lange brauchte er nicht zu warten, bis die Stimme zurückkehrte.
»Hau ab oder ich hol die Polizei«, krächzte es verstimmt aus dem Lautsprecher.
»Tun Sie das bitte nicht«, versuchte Conner zu beschwichtigen. »Ich kann keinen Ärger gebrauchen – und Sie auch nicht.« Er versuchte, diesen Anhang nicht wie eine Drohung klingen zu lassen, was ihm nicht vollständig gelang. Schon ahnte er, dass der Wortwechsel seine Geduld auf eine gefährliche Probe stellen sollte. Solch eine Stimme gehörte nicht zu einem Kerl, der in diesem Leben zu einem guten Freund werden konnte. Aber er wollte das Urteil nicht zu früh fällen.
»Wer sind Sie?«, drang es zögernd an seine Ohren.
»Nur ein Kunde. Es handelt sich … um einen Notfall.«
»Um einen Notfall?«
Conner konnte förmlich hören, wie die Zahnräder im Kopf des Mannes ratterten, als der Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen versuchte. Er würde auf jeden Fall die falsche Entscheidung treffen, aber das konnte er noch nicht wissen.
»Um diese Uhrzeit … Das wird teuer.«
Damit wurde der Hörer ein weiteres Mal auf die Gabel geschlagen. Conner fürchtete bereits, dass es eines dritten und damit letzten Versuchs bedurfte, die Ratte aus ihrer Wohnhöhle zu locken, doch da surrte die Tür und sprang ein Stück aus den Angeln. Wie schön. Du hast den einfachen Weg gewählt. Dabei hätte er seine Einbruchskünste so gerne mal wieder zum Besten gegeben. Conner betrat den Hausflur und blickte sich hastig nach allen Seiten um. Der schäbige Anblick des Gebäudes aus Stahl und Beton setzte sich, wie erwartet, im Inneren fort. Blaue Kacheln verkleideten dessen Einlass; kleine Mosaiksteine, wie man sie in alten Badezimmern erwartet hätte, doch vermutlich waren in einigen der Apartments nur die Wohnzimmertische gefliest. An den Wänden der schmalen Halle, die im Wesentlichen von einem Treppenaufstieg, kaputten Fahrrädern und Sperrmüll dominiert wurde, verliefen offene Rohre und Leitungen.
Conner versuchte zu sondieren, wo in diesem Bunker gleich eine Wohnung aufsprang; doch das war gar nicht nötig. Schritte nahten heran und schon im nächsten Moment bezog ein kleiner, breiter Kerl vor ihm Stellung. Die beiden Männer musterten sich eingehend. Conner war beinahe zwei Köpfe größer als der Andere, doch das hinderte den Wicht nicht daran, abschätzig mit schwulstigen Lippen zu schmatzen.
Was für ein trauriger Tropf, dachte Conner bei sich. Die Beine des Kerls steckten in einer engen Jogginghose und wuchsen aus beinahe zierlichen Waden zu stämmigen Oberschenkeln heran, die wiederum unter einem gewaltigen Bauchlappen verschwanden. Die obere Körperhälfte war in ein enges Bandshirt gepresst. Sein runder Kopf ruhte auf fleischigen Schultern. Eine Frisur hatte er nicht, vielmehr nur Haare. Haare, die aussahen wie etwas zwischen überfahrenem Hasen und Vogelnest; wie faules Stroh, das im Schädel keinen Platz mehr gefunden hatte. Wie mit dem Brotkanten aus dem Wald gelockt …
Conner konnte sein Gegenüber vom ersten Moment an nicht leiden. Das ungepflegte Äußere der Person war jedoch nicht der vornehmliche Grund dieser Abneigung. Er selbst achtete nicht primär auf das eigene Erscheinungsbild. Es waren diese kleinen, gemeinen und stechenden Augen, die jetzt versuchten, einen Blickwechsel einzugehen. Dies allerdings vergebens.
Conner lächelte kühl. Unter der weiten Kapuze einer schwarzen Lederjacke waren seine eigenen Züge nicht klar auszumachen. Noch war es zu früh, sich dem Kerl zu offenbaren.
»Eddi heiße ich«, knurrte der Mann und stellte sich seitlich in den Türrahmen, um Vortritt zu gewähren, sogar zu fordern.
Conner rümpfte die Nase. Sein neuer Bekannter stank nach getrocknetem Schweiß – und nicht nach Schweiß, wie er bei der Arbeit in glühender Sommersonne entstand, sondern nach Schweiß von schlechtem Schlaf, Müßigkeit und mangelnder Hygiene. Warum zum Teufel kann ich verschiedene Schweißarten unterscheiden?
»Da geht es entlang. Folgen Sie mir.« Mit diesen Worten drängte Eduard an ihm vorbei und deutete zum Ende des Ganges. Die Bewegungen des Kerls waren ungelenk, mühsam, als hätte er die eigenen Körperteile gebraucht von einem Leichenbeschauer erworben. Erneut wurde Conner von der übelsten Art fleischlicher Ausdünstungen umweht. Widerstrebend ließ er sich von Mann und Körpergeruch leiten, vorbei an furnierten Wohnungstüren, Pfandflaschen, Müllsäcken und ausgetretenen Hausschuhen, zu einem Eingang, der nicht ganz geschlossen war. Durch den schmalen Spalt drang unruhiges Licht auf den Flur.
»Hier ist es«, sagte der Mann und betrachtete Conner skeptisch und offenkundig unsicher, was von ihm zu halten war. Die Antwort würde ihm nicht gefallen …
Trautes Heim, Glück allein. Die Wohnung war die eines Informatikers, der sich seit der Jahrtausendwende aller technischen Neuerungen verweigert hatte. Überall, auf Tischen und abgehalfterten Schülerpulten, standen Röhrenmonitore und alte Computergehäuse, aus denen Kabel heraushingen wie Gedärme aus geschlachteten Rindern. Einige Rechner waren eingeschaltet und machten mit surrenden Lüftern lautstark auf ihre Aktivität aufmerksam. Was war das hier? Eine Bitcoin-Farm? Mitten im Raum kauerte ein zerschlissenes Ledersofa, davor befand sich ein niedriger Fliesentisch. Natürlich ein Fliesentisch! Ein ebenfalls nicht ganz zeitgemäßer Fernseher, überquellende Aschenbecher und Fastfood-Verpackungsmüll lagen und standen darauf. Team Burger King. I see.
Eduard schlurfte hinter einen Tresen – eigentlich ein hüfthohes Blechregal – und gab Conner einen Wink und damit die Erlaubnis, in das zweifelhafte Refugium einzudringen. Das Zimmer war von der Reklametafel, die Conner bereits von außen betrachtet hatte, in zitterndes Unterwasserlicht getaucht. Nur über dem provisorischen Verkaufstisch baumelte eine Pendelleuchte, die allerdings wenig heller schien als ein Teelicht. Hinter Eduard hing ein Vorhang von der Decke, der den Blick auf ein weiteres Zimmer – Wahrscheinlich sein Schlafbereich? – vor neugierigen Blicken abschirmte.
»Also dann … Wo haben Sie diesen Notfall?«, sagte Eduard. Ungeduld schwang in der Stimme mit.
Conner beeilte sich nicht, öffnete gemächlich den Reißverschluss seiner Lederjacke, zog aus dem Holster unter dem linken Arm eine Pistole hervor – die legte er dem verdutzen Kerl vor die Augen.
»Wa…« Eduard öffnete den Mund, schien vergeblich nach Worten zu suchen, dann streckte er die Hand aus, doch verharrte auf halbem Weg, ehe seine Finger den Lauf der Waffe berührten. »Ich repariere Mobiltelefone«, stieß er angestrengt hervor.
Conner nickte langsam. Statt einer Antwort fasste er nach dem Rand seiner Kapuze, um sie noch ein Stück tiefer ins Gesicht zu rücken. Er wollte die Blicke nicht mit denen des Mannes kreuzen – noch nicht. Es war doch erstaunlich, wie leicht bei einigen Menschen die Fassade der Überlegenheit einzureißen war. Er hatte kaum ein Wort gesprochen, und schon deshalb schmorte der Kerl wie ein Stück Fleisch im eigenen Saft. Überleg dir jetzt genau, was du sagst …
»Vor drei Tagen verschwand in Dresden ein kleines Mädchen. Sie wohnte nicht weit von hier. Samantha Dorschel ist ihr Name. Haben Sie davon gehört?«
»Was?« Der Mann schluckte hörbar. Er versuchte, diese neue Information zu einer schlüssigen Konklusion zu verarbeiten – doch scheiterte offenkundig daran. Vielleicht hatte er den Fremden Augenblicke zuvor für einen Junkie gehalten, der seine Sucht damit finanzierte, des Nachts kleine Gewerbetreibende auszurauben. Jetzt aber …
»Was wollen Sie? Was hat das hier zu bedeuten?«, fragte Eduard und schien aus einer geheimen Quelle im strohdummen Schädel ein wenig Mut zu schöpfen. Trotz kehrte in sein Gesicht zurück.
»Ich habe eine Frage gestellt«, stellte Conner fest und faltete die Hände hinter dem Rücken. Er war nicht stolz auf das, was er gedachte zu tun, und daher bereit, den Moment der Wahrheit noch ein wenig hinauszuzögern. Sollte der Kerl noch ein wenig herumdrucksen …
»Wer sind Sie?«, fragte Eduard. Über seiner Oberlippe, die aussah wie ein aufgedunsener Regenwurm, entsprangen Schweißperlen der porigen Haut. »Wer zum Teufel sind Sie?«
»Mein Name ist Adrian«, sagte Conner. Er sprach so leise, dass der andere genau hinhören musste. »Soll ich meine Frage nochmal wiederholen?«
»Adrian«, flüsterte Eduard, beinahe so, als ahnte er die Lüge. Plötzlich erschien im Gesicht des Mannes ein Grinsen, das kurze Zähne offenbarte, die ungleichmäßig verteilt waren. »Hier sind überall Überwachungskameras. Was soll das hier werden?«
Mit dieser provokanten Frage intensivierte sich das schmutzige Licht der Pendelleuchte. Also musste der Mann an einem Dimmer gedreht haben. Was soll dieser Scheiß? Gefährlich, Dicker, gefährlich.
Conner blickte sich vorsichtig um. Obschon er auf Anhieb keine Geräte mit verräterisch spiegelnden Linsen entdeckte, gab es dafür mehr als genug versteckte Ecken. Das war ärgerlich, sehr ärgerlich, nicht die Kameras, sondern, dass dieser Idiot dachte, ihn überlistet zu haben. Zum Spaß hatte er die Kapuze nicht so tief ins Gesicht gezogen.
Conner griff ein weiteres Mal in die Jacke. Nun zog er eine Maske aus Latex heraus, die er aufsetzte, ohne Angst, den sprachlosen Mann für kurze Momente aus den Augen zu lassen. Energisch zog er den Klettverschluss hinter der Kapuze zusammen. Dabei entging ihm keineswegs, dass Eduard verstohlen nach der Pistole schielte, die immer noch zwischen den Kontrahenten auf dem Tresen ruhte … und das so verheißungsvoll. Versuch es. Mit schräg gelegtem Kopf forderte er sein Gegenüber heraus. Dem lachte jetzt ein augenzwinkerndes Smiley-Gesicht entgegen.
Das war eben jener Moment, als Eduards letzte verbliebene Sicherung durchbrannte. Mit einer Geschwindigkeit, die Conner dem feisten Mann nicht zugetraut hätte, langte selbiger nach der Waffe. Conner hätte die böse Absicht nicht verhindern können, selbst wenn er gewollt hätte – doch er wollte nicht. Er ließ es geschehen. Schon spürte er die Mündung an der eigenen Stirn. Er gab keinen Mucks von sich, nur seine Mundwinkel hoben sich zu einem müden Lächeln, eine Regung, die hinter dem Latexgesicht verlorenging. Er hasste es, eine Waffe auf sich gerichtet zu wissen, insbesondere, wenn diese Waffe ihm gehörte. Das hättest du besser nicht getan …
»Du … Wer bist du? Rede, du verdammter Hurensohn, sonst …« Der Ausfall hatte Eduard körperlich beansprucht, denn er hyperventilierte, ehe er genug Luft in die Lungen gesogen hatte, um sich wieder verständlich mitteilen zu können. »Was willst du von mir?«, stieß er hervor. Seine Hände umschlossen das Griffstück der Pistole, so fest, dass die Fingerknochen hervortraten. Die Mündung bohrte ein kleines Stanzloch in Conners Stirn.
»Ich will wissen, ob du dieses Mädchen entführt hast.«
»Welches Mädchen denn?«, knurrte Eduard.
»Ich hab dir ihren Namen schon gesagt.«
»Richtig!« Der Mann nahm die Waffe ein wenig zurück, doch nur für einen Augenblick, dann setzte er sie erneut an den Kopf seines maskierten Gegners, noch fester als zuvor. »Ich kenne aber keine Samantha Dorschel«, spuckte er förmlich hervor.
»Du lügst«, stellte Conner mit noch kühlerer Stimme fest.
Dadurch verlor Eduard erneut die mühsam wiedererlangte Fassung. Er begriff ganz offensichtlich nicht, wie jemand so reden konnte, auf dessen Kopf eine Waffe gerichtet war. Den offensichtlichsten Grund für diesen vermeintlichen Todesmut erkannte er nicht. Ich bin ja so überrascht …
Der Fettsack verteilte mit der Zunge Speichel auf den Lippen, bevor er sprach: »Ich hab damit nichts zu tun. Was kann ich dafür, dass diese Schlampe von Mutter solche Lügen über mich erzählt? Die Polizei hat nichts … Ich hab nichts getan …«
Conner lächelte kalt. »Du lügst«, bekräftigte er.
»Ach, tatsächlich?« Der Finger am Abzug zitterte. »Das wirst du jetzt nicht mehr herausfinden!«

Nehmen Sie Platz und sich eine Karte
Doch diese müssen erst noch aufgedeckt werden:

verbergen sollen?

Zeit bekämpfen?

des Menschen erlöst?

bewegt und festhält?

geweissagt wurde

seiner Gabe?
Weiter hinab und hinab … in die Welt von Rotsehen

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